KI in der Hotellerie 2026: Technologische Entwicklungen, die du kennen solltest

Olga Heuser

Vor einem Jahr klang KI noch wie ein Versprechen. Heute klingt sie wie eine Aufgabe. Die Honeymoon-Phase ist vorbei. Die Zeit der beeindruckenden Demos, der viralen Screenshots, der Sätze, die mit "Schau mal, was ChatGPT kann…" beginnen. Was bleibt, wenn das Staunen nachlässt? Es bleibt die Frage, was wir mit all dem eigentlich anfangen.

Vor einem Jahr klang KI noch wie ein Versprechen. Heute klingt sie wie eine Aufgabe. Die Honeymoon-Phase ist vorbei. Die Zeit der beeindruckenden Demos, der viralen Screenshots, der Sätze, die mit "Schau mal, was ChatGPT kann…" beginnen. Was bleibt, wenn das Staunen nachlässt? Es bleibt die Frage, was wir mit all dem eigentlich anfangen.

Vor einem Jahr fragten Hoteliers mich: "Funktioniert das wirklich?" Heute fragen sie: "Wie schnell können wir starten und entwickelt ihr das auch schnell genug weiter?" Die Skepsis ist einer Dringlichkeit gewichen. Nicht weil KI perfekt geworden wäre. Sondern weil klar wird, dass Abwarten keine gute Strategie ist.

Anfang 2025 habe ich an dieser Stelle fünf Vorhersagen gewagt. Die meisten sind eingetreten. Aber die wichtigste Entwicklung lässt sich nicht in Zahlen fassen: KI ist vom Gesprächsthema zum Arbeitsgerät geworden.

Hier sind fünf technologische Entwicklungen, die meines Erachtens das Jahr 2026 prägen werden.

1. KI wird zur handelnden Kraft in Hotels

Die Phase des Experimentierens ist vorbei. Wir haben KI gebeten, uns Bilder zu generieren, Texte zu schreiben und Fragen zu beantworten. Jetzt beginnt die Phase, in der KI selbständig Aufgaben erledigt. Agentic AI geht einen entscheidenden Schritt weiter als Generative AI und nimmt eine proaktive Haltung ein: Sie kann selbständig Entscheidungen treffen und die Initiative ergreifen, um Ziele zu erreichen. Dabei nutzt sie mehrstufiges Reasoning und führt komplexe Aktionen aus. Um Aufgaben auszuführen, greift Agentic AI auf externe Tools, APIs und Systeme zu und koordiniert diese.

Es entstehen neue KI-Browser. Sie füllen Formulare aus, fassen Webseiten zusammen und erledigen Buchungen, ohne dass der Nutzer selbst klicken muss. Die KI übernimmt das Surfen.

Beim Shopping geht es noch weiter. Mit ChatGPT kann man bald direkt im Chat einkaufen. Google hat jüngst einen neuen Standard namens "Universal Commerce Protocol" veröffentlicht. Dieser Standard ist so etwas wie eine gemeinsame Sprache, mit der KI-Assistenten den gesamten Kaufprozess abwickeln können: Produkt finden, vergleichen, bezahlen, liefern lassen.

Google nennt "Travel" ausdrücklich als nächsten Ausbauschritt. Was jetzt für den Einzelhandel gilt, wird für Hotels kommen. Die Frage ist nicht ob, sondern wann, und alles deutet auf 2026.

Für Hotels hat Agentic AI zwei große Konsequenzen. Erstens verändert sich der Hotelbetrieb. Hoteleigene KI-Assistenten (wie zum Beispiel die Hotel-KI von DialogShift) können heute Gäste komplett autonom an allen wichtigen Touchpoints unterstützen und nicht nur Fragen beantworten, sondern Reservierungen annehmen, Empfehlungen aussprechen, den Tag planen, Zusatzleistungen verkaufen und Gästefeedback bearbeiten. Sie arbeiten rund um die Uhr, sprechen mehr als hundert Sprachen und sind dabei so gut wie menschliche Mitarbeiter:innen. Der Einsatz solcher KI-Assistenten in Hotels ist 2025 explosionsartig gewachsen. Gartner prognostiziert, dass bis 2029 achtzig Prozent aller typischen Serviceanfragen von KI gelöst werden. KI ist kein nettes Extra mehr. Sie hilft Hotels ganz konkret, Zeit und vor allem Kosten zu sparen – und gleichzeitig durch bessere Erreichbarkeit das Service-Level zu erhöhen.

Die zweite Implikation betrifft die Distribution, und hier wird es für Hotels existenziell. Google hat angekündigt, dass Nutzer bald Flüge und Hotels direkt im AI Mode und in der Gemini-App buchen können. OpenAI testet ähnliche Funktionen. Perplexity ermöglicht bereits Reisebuchungen direkt im Chat. Sabre hat auf der CES 2026 sogenannte "agentic-ready APIs" vorgestellt, die KI-Agenten den direkten Zugriff auf Flug- und Hotelverfügbarkeiten geben.

Was bedeutet das konkret? Ein Gast sagt zu seinem Smartphone: "Buche mir ein Hotel in München für nächstes Wochenende, zentral gelegen, unter 200 Euro, mit gutem Frühstück." Die KI sucht nicht nur, sie vergleicht Preise, prüft Verfügbarkeiten, erinnert sich an frühere Reisen des Nutzers und schließt die Buchung ab. Der Gast hat nie eine Hotel-Website besucht und nie ein Buchungsportal geöffnet.

Wer also in dieser neuen Welt gefunden und gebucht werden will, muss für KI sichtbar sein. 

2. Physical AI: Wenn KI Hände bekommt

2022 kam KI, die Texte schreibt (Generative AI). 2025 kam KI, die selbständig handelt (Agentic AI). Kommt 2026 KI, die in der echten Welt agiert – Physical AI? 

Nvidia-Chef Jensen Huang verkündete auf der CES 2026 in Las Vegas: "Der ChatGPT-Moment für Robotik ist da." Die KI-Pionierin Fei-Fei Li, oft als "Godmother of AI" bezeichnet, schreibt in einem vielbeachteten Essay: "Ohne räumliche Intelligenz wird künstliche Intelligenz niemals vollständig sein." Ihre These lautet, dass heutige Sprachmodelle brillante Wortschmieden sind, aber sie verstehen die physische Welt nicht. Sie können einen Raum beschreiben, aber nicht durch ihn navigieren.

2026 wird hier eine Veränderung beginnen. Tesla will seinen humanoiden Roboter Optimus in Serie produzieren. Boston Dynamics hat angekündigt, dass sein Roboter Atlas jetzt in Produktion geht und noch dieses Jahr bei Hyundai und Google eingesetzt wird. Figure AI nimmt Vorbestellungen für seinen humanoiden Roboter entgegen, der Wäsche falten und Handtücher stapeln kann. Und das chinesische Unternehmen 1X liefert ab 2026 die ersten Haushaltsroboter an Privatkunden aus.

McKinsey schätzt den Markt für universelle Robotik bis 2040 auf 370 Milliarden Dollar.

Ich denke, für Hotels liegt die Zukunft weniger im humanoiden Roboter an der Rezeption. Das wäre für die meisten Gäste befremdlich. Die echte Revolution findet im Hintergrund statt, bei den physischen Tätigkeiten, die repetitiv, anstrengend und schwer zu besetzen sind.

Reinigungsroboter sind am weitesten entwickelt. Autonome Staubsauger und Scheuersaugmaschinen fahren bereits heute durch die Flure von Marriott und Hilton. Sie arbeiten nachts, reinigen Lobbys und Konferenzräume, ohne dass ein Mitarbeiter sie beaufsichtigen muss. Für die Gastronomie gibt es ähnliche Entwicklungen: Roboter Flippy, entwickelt von Miso Robotics, brät und grillt in über hundert White-Castle-Filialen. Er hält Garzeiten exakt ein und reduziert das Verletzungsrisiko. 

Die Hotelbranche kämpft seit Jahren mit Personalmangel. Roboter ersetzen keine Mitarbeiter, aber sie übernehmen die körperlich anstrengendsten Aufgaben: Böden schrubben, schwere Wäschewagen schieben, Lieferungen transportieren oder die Spülmaschine ein- und ausräumen.

2026 ist das Jahr, in dem Physical AI vom Konzept zur Realität wird. In Hotels nicht als menschenähnliche Roboter an der Rezeption, sondern als stille Helfer im Hintergrund.

3. Der Tod der Prompt-Box?

Andreessen Horowitz, eine der einflussreichsten Risikokapitalfirmen im Silicon Valley, hat im "Big Ideas 2026"-Report eine provokante These aufgestellt: 2026 markiert den Tod der Prompt-Box für normale Nutzer. Die Ära, in der wir KI durch Eintippen von Prompts steuern, geht zu Ende. Was kommt nach dem Prompten? KI, die zuhört, zusieht und von selbst handelt.

Google ersetzt 2026 seinen Sprachassistenten komplett durch Gemini. Nicht nur auf dem Handy, sondern auf Smartwatches, im Auto, auf Smart-TVs und smarten Lautsprechern. Der alte Google Assistant, den Millionen Menschen seit 2016 nutzen, verschwindet. An seine Stelle tritt eine KI, die nicht nur Befehle ausführt, sondern mitdenkt und Zusammenhänge versteht.

Gleichzeitig bringt Google KI-Brillen auf den Markt, entwickelt mit Samsung und Warby Parker. Manche Modelle haben einen kleinen Bildschirm im Glas für Navigation und Übersetzungen, andere funktionieren rein über Sprache. Man schaut auf ein Straßenschild in einer fremden Sprache, und die Brille übersetzt. Man fragt nach dem Weg, und die Antwort kommt direkt ins Ohr.

OpenAI arbeitet mit dem legendären Apple-Designer Jony Ive an einem völlig neuen Gerät. Die Gerüchte sprechen von einem Stift-ähnlichen Objekt, das handschriftliche Notizen in Text umwandelt und Gespräche mit ChatGPT ermöglicht. Oder von einem kleinen Gerät ohne Bildschirm, das man in der Tasche trägt und das den ganzen Tag zuhört und mithilft (in etwa wie im Film “Her” aus dem Jahr 2013). Ive hat gesagt, das Ziel sei ein "ruhigeres" Erlebnis als mit dem Smartphone, ohne ständige Benachrichtigungen und Apps. Der Launch könnte bereits Anfang 2026 kommen.

Für Hotels bedeutet das einen fundamentalen Wandel in der Gästekommunikation. Wenn Menschen aufhören, auf Bildschirmen zu tippen, und stattdessen mit ihren Assistenten sprechen, dann müssen Hotels dort präsent sein, wo diese Gespräche stattfinden.

Die Prompt-Box war der Übergang. 2026 beginnt vielleicht die Ära der unsichtbaren KI.

4. Die Superintelligenz rückt näher

Es klingt nach Science-Fiction, aber die Menschen, die KI entwickeln, sprechen davon wie von einem nahenden Ereignis.

Elon Musk sagt, wir befänden uns bereits in der Singularität. Singularität bezeichnet den hypothetischen Punkt, an dem künstliche Intelligenz sich selbst verbessern kann – schneller und besser, als Menschen es könnten. Sam Altman von OpenAI erwartet für 2026 KI-Systeme, die als Forschungsassistenten arbeiten können. Dario Amodei von Anthropic spricht von "mächtiger KI" mit intellektuellen Fähigkeiten auf Nobelpreis-Niveau, die Ende 2026 oder Anfang 2027 kommen könnte.

Was meinen sie damit? Nicht unbedingt eine KI, die Bewusstsein entwickelt oder die Weltherrschaft übernimmt. Sondern eine KI, die in praktisch jedem intellektuellen Bereich besser ist als der beste Mensch. Eine KI, die nicht nur Fragen beantwortet, sondern eigenständig forscht, Probleme löst und neue Erkenntnisse gewinnt. Amodei nennt es ein "Eine Nation von Genies in einem Rechenzentrum".

Die Meinungen gehen auseinander. Manche Forscher halten 2026 für viel zu optimistisch und rechnen eher mit 2040. Andere sagen, die Vorhersagen seien vor allem Marketing. Aber selbst die Skeptiker räumen ein, dass die Entwicklung der letzten zwei Jahre schneller voranschritt als die meisten erwartet hatten.

Für Hotels mag das abstrakt klingen. Aber die praktischen Auswirkungen sind schon heute spürbar. KI-Systeme werden besser darin, komplexe Zusammenhänge zu verstehen, aus Erfahrungen zu lernen und eigenständig Entscheidungen zu treffen. Die Automatisierungsquoten, die wir heute erreichen, wären vor zwei Jahren undenkbar gewesen.

Was bedeutet das für die nächsten Jahre? Niemand weiß es genau. Aber die Richtung ist klar: KI wird schneller besser, als wir uns anpassen können. Hotels, die heute in KI investieren, bauen nicht nur Effizienz auf. Sie bauen die Fähigkeit auf, mit einer Technologie umzugehen, die sich schneller verändert als alles, was wir bisher erlebt haben.

2026 wird vielleicht nicht das Jahr der Superintelligenz. Aber es könnte das Jahr sein, in dem wir aufhören, sie für unmöglich zu halten.

5. Wird Google das KI-Rennen gewinnen?

Vor zwei Jahren sah es aus, als hätte OpenAI mit ChatGPT die Zukunft der künstlichen Intelligenz für sich entschieden. Das Unternehmen hatte einen Vorsprung, der uneinholbar schien. Heute zeigen die Zahlen ein anderes Bild. ChatGPTs Marktanteil ist von 87 Prozent auf unter 65 Prozent gefallen. Google Gemini ist im gleichen Zeitraum von 5 auf über 20 Prozent gestiegen. Wall Street bewertet Googles KI-Infrastruktur erstmals seit einem Jahrzehnt höher als die der Konkurrenz. Die Wende kam schneller als erwartet.

Was ist passiert? Google hat aufgeholt und gleichzeitig seine größte Stärke ausgespielt, nämlich die Tatsache, dass Milliarden Menschen bereits jeden Tag Google-Produkte nutzen. Sieben Google-Dienste haben jeweils mehr als zwei Milliarden aktive Nutzer: Search, Android, Chrome, YouTube, Gmail, Maps und Google Photos. Wenn Google eine neue KI-Funktion einführt, erreicht sie über Nacht mehr Menschen als jeder Konkurrent in Jahren erreichen könnte. 

Diese Verteilung ist nur ein Teil des Vorteils. Google kontrolliert die gesamte Kette von der Hardware bis zum Endnutzer. Das Unternehmen entwickelt eigene KI-Chips namens TPUs, die speziell für das Training und den Betrieb von Sprachmodellen optimiert sind. Gemini 3, das aktuell beste Modell auf den wichtigsten Benchmarks, wurde komplett auf diesen eigenen Chips trainiert, ohne einen einzigen Nvidia-Prozessor. Das bedeutet, dass Google nicht abhängig ist von externen Lieferanten und seine Kosten besser kontrollieren kann. OpenAI hingegen gab in den ersten neun Monaten 2025 über acht Milliarden Dollar allein für Rechenleistung aus, die sie bei anderen Unternehmen mieten müssen.

Dazu kommt der Datenvorteil. Jede Minute werden 500 Stunden Video auf YouTube hochgeladen. Nicht nur Unterhaltung, sondern auch Anleitungen, Demonstrationen und Dokumentationen wie die physische Welt funktioniert. Milliarden Suchanfragen zeigen täglich, was Menschen wissen wollen. Diese Daten kann man nicht kaufen. Sie entstehen nur, wenn man die Plattformen besitzt, auf denen Menschen ihr digitales Leben verbringen.

Für Hotels bedeutet diese Entwicklung eine klare strategische Konsequenz. Die Frage ist nicht mehr, ob KI die Gästesuche verändert, sondern wessen KI. Und die Antwort deutet immer stärker auf Google. Wer heute in Google AI Mode nicht gefunden wird, wer keine strukturierten Daten für Gemini bereitstellt, wer nicht dort präsent ist, wo die Gespräche stattfinden, der wird für einen wachsenden Teil der Reisenden schlicht unsichtbar sein. Das gilt nicht irgendwann in ferner Zukunft. Es gilt jetzt.

Was bedeutet das alles?

KI wächst aus der Rolle des Assistenten heraus. Sie wird zum Akteur. Sie antwortet nicht mehr nur – sie entscheidet, bucht, erledigt. Und sie tut das zunehmend dort, wo Menschen nicht mehr hinschauen: in den Algorithmen, die bestimmen, was sichtbar ist und was nicht.

Aber vielleicht ist das nur die Oberfläche.

Die tiefere Frage ist eine andere: Was soll Technologie eigentlich für uns tun? Die besten Werkzeuge der Geschichte waren nie die mächtigsten. Es waren die, die Menschen befähigt haben, mehr sie selbst zu sein. Die Druckerpresse machte nicht das Schreiben überflüssig – sie gab mehr Menschen eine Stimme. Das Telefon ersetzte nicht das Gespräch – es machte Nähe möglich über Distanz.

KI steht vor der gleichen Weggabelung. Sie kann ein Werkzeug sein, das uns ersetzt. Oder eines, das uns bestärkt. Das dem Hotelier Zeit gibt, nicht um weniger zu arbeiten, sondern um anders zu arbeiten. Weniger Administration, mehr Aufmerksamkeit. Weniger Routine, mehr Momente, die zählen.

Die Hotels, die das verstehen, werden nicht nur überleben. Sie werden besser werden – als Gastgeber, als Arbeitgeber, als Unternehmen. Nicht trotz der Technologie, sondern durch sie.

Olga Heuser ist Gründerin und CEO von DialogShift, Marktführer für KI-gestützte Gästekommunikation für Hotels in der DACH-Region.

Weitere Artikel